Pressespiegel
Tagesanzeiger vom 19.12.2001
Der Süchtige als Manager seiner selbst
In
Solothurn wird der Abhängige zum Klienten: Vernetzte Hilfsstellen
helfen Süchtigen, Arbeit und Wohnung zu finden. Die Kundenorientierung
im Gesundheitswesen - ein Schweizer Modellfall für das Case Management.
Von Jean-Martin Büttner, Solothurn
Man
merkt ihnen nicht an, dass sie Kunden sind. Juan wuchs als Strassenkind
in Brasilien auf; als die Adoption in der Schweiz scheiterte, kehrte er
auf die Strasse zurück, wo er sich während Jahren durchschlug. Heute
sagt er von sich, er sei reifer geworden; er ist 23 Jahre alt. So alt
war Sybil, als sie mit dem Fixen anfing. Heute ist sie 37, bezieht
dreimal täglich die kontrollierte Heroinabgabe, daneben konsumiert sie
Gras, Zigaretten und braucht täglich einen Kokainflash. Sie geht im
Gips wegen einer Thrombose, aber früher, sagt sie, war alles viel
schlimmer: "Man lebte und starb auf der Gasse." David hat Probleme mit
Drogen und mit dem Gesetz, er hat Strafen, Schulden und Hepatitis.
Seine Stimme klingt um zehn Uhr morgens wie aus tiefem Schlaf,
wahrscheinlich das Rohypnol: "Man muss das Beste draus machen", sagt er
achselzuckend. Das Beste woraus?
Erstaunliche Veränderungen
Juan, Sybil und David, wie wir die drei nennen möchten, die am Morgen
hier zusammenkommen, in einem schmucklosen Bau am Stadtrand von
Solothurn: Es geht ihnen nicht gut, aber es geht ihnen besser. Alle
sind gesundheitlich stabil, keiner lebt mehr auf der Strasse, niemand
braucht zu dealen. Zwar kann keiner ohne Stoff leben, Heroin oder
Kokain oder Alkohol. Alle beziehen Geld von der Invalidenversicherung
oder der Sozialhilfe. Aber sie haben auch Arbeit und eine Wohnung. "Ich
bin selber erstaunt über die Veränderung", sagt Daniel über sich, das
sehen auch die anderen so.
Die drei sind, mit gegen zweihundert anderen, Klienten der
"Perspektive", einem Zusammenschluss von acht Solothurner Fachstellen,
die ihrerseits eng mit den Sozialstellen und der Privatwirtschaft
zusammenarbeiten. "Früher dachte jeder, der andere machts", sagt Urs
Bentz vom Solothurner Sozialamt, "heute arbeiten wir alle zusammen mit
klar verteilten Aufgaben." Soeben ist das neue Haus der "Perspektive"
eröffnet worden, das die verschiedenen Stellen unter einem Flachdach
vereint. "Unser Job besteht darin, dass die Abhängigen älter werden
dürfen", sagt Geschäftsleiter Lukas Leber, "und gerade dadurch eher aus
der Abhängigkeit herausfinden." Mit den Abhängigen, Obdachlosen, Fixern
und Alkoholikern wird die Alternative zum Leben in der Sucht gesucht:
das Leben mit der Sucht. Also Drogenkonsum mit möglichst wenig Risiken;
später dann eingeschränkter Konsum; und schliesslich idealerweise
Abstinenz im Wissen, dass jeder Abhängige immer gefährdet bleibt.
Das beschädigte Leben
"Ziel kann oft nicht die Heilung sein", sagt Projektleiterin Karin
Stoop, weil an diese bei so schweren psychischen Problemen nicht zu
denken sei; vielmehr wird die Droge bei vielen als Versuch der
Selbstmedikation angesehen und auch akzeptiert. Ziel ist, sich trotz
der Sucht zu organisieren und so selbstständig und glücklich wie nur
irgend möglich sein versehrtes Leben zu führen.
Das Vorgehen orientiert sich am Case Management, einer amerikanischen
Vernetzungstechnik, die Übertragung der marktwirtschaftlichen
Kundenorientierung auf das Gesundheitswesen. Der Karlsruher Professor
Rainer Wendt, der die Methode in Solothurn eingeführt hat, spricht
heute von einem Modellfall für den deutschsprachigen Raum (siehe
Interview). Die Methode wurde im Zuge der Deinstitutionalisierung
entwickelt, als die Reagan-Administration psychisch Kranke und
Behinderte auf die Strasse stellen liess. Um sich ihrer Probleme
anzunehmen und die Bürgernähe zu verstärken, begannen die Hilfsstellen
zu kooperieren. Statt Suchtkranke zu zwingen, sich dem Hilfsangebot
anzupassen, richtet sich das Case Management nach ihren eigenen Zielen
aus. Die Abhängigen werden zu Managern ihrer eigenen Existenz.
Das klingt abstrakt, funktioniert aber ganz konkret. So trifft David
heute Karin Stoop, seine Case Managerin; er ist einer ihrer sechzig
Klienten. "Im Vordergrund steht immer die Frage, was der Klient selber
will", sagt sie - und im Hintergrund die Einschätzung der Fachleute,
wie viel er zur Erreichung seiner Ziele beitragen kann. Höchstens
einmal die Woche, mindestens aber alle drei Monate kommen sie zusammen,
um Probleme zu besprechen, den Verlauf zu begutachten und das Vorgehen
festzulegen. Wer zuständig ist, wird mit an die Sitzung eingeladen -
das Sozialamt, die Ärzte oder Therapeuten, der Arbeitgeber. Im Fall von
David hat Stoop die Sozialarbeiterin Anna Spindler aufgeboten, die für
das begleitete Wohnen der Klienten zuständig ist.
"Tough love"
Das Gespräch dauert etwa eine Dreiviertelstunde in einem schmucklosen
Sitzungszimmer; die Atmosphäre ist freundlich, aber sachlich - "tough
love", nennt Wolf Wendt die Haltung der Betreuer. Man siezt sich, es
wird viel in Papieren geblättert und keine Moral, kein
Therapeutenjargon abgesondert. Dennoch verhehlt die Case Managerin
nicht, dass sie mit Daniels Fortschritten zufrieden ist. Statt mit zwei
Liter Schnaps pro Tag kommt er heute mit zwei Büchsen Bier aus. Der
Warenhausdiebstahl erwies sich als Bagatelle. Auch attestiert ihm die
Wohnbetreuerin, dass seine Wohnung eingerichtet und aufgeräumt sei und
sich die Nachbarn nie beklagt hätten. Bei Problemen wird vermittelt;
hält sich der Klient nicht an die Hausordnung oder beginnt in der
Wohnung zu dealen, fliegt er raus; 15 Wohnungen sind vermietet, die
Warteliste ist lang.
Wohnen und Arbeiten
Die "Perspektive" versteht ihre Arbeit als niederschwelliges Angebot:
Jeder ist willkommen, jeder kann auch nach einem Absturz wieder
zurückkehren. Abstinenz ist hier Ziel, aber keine Bedingung. Auch
bezieht nur ein Zehntel der Klienten kontrolliert Heroin, alle anderen
fixen auf der Gasse. Ihre Arbeit besteht in Tageseinsätzen, die am
Morgen verteilt oder ausgelost werden: Putzen, Kochen, Zügeln oder
Gartenarbeit für verschiedene Auftraggeber. Der Lohn reicht von 13 bis
zu 35 Franken pro Stunde und richtet sich nach der Leistung. Hat sich
ein Klient als Mieter und Tagelöhner bewährt und will seine
Drogenabhängigkeit überwinden, definiert er seine Ziele neu.
Das Case Management gründet, wie schon das New Public Management, in
finanziellen Motiven: Kundenorientierung als Sparmethode. Nach drei
Jahren Erfahrung in Solothurn muss Karin Stoop differenzieren.
Kurzfristig spare man "eher Zeit als Geld", sagt sie. Dafür verringern
sich später die enormen Folgekosten der Sucht. Schwerstsüchtige, die
noch jeder Therapie und jedem Entzug widerstanden, kommen so von der
Strasse weg. Sie strukturieren ihren Tag, verdienen mit der Arbeit
etwas Geld, kurz: Sie organisieren sich eine Selbstständigkeit in der
Abhängigkeit.
Dazu braucht es die Mithilfe aller, weshalb auch das Sozialamt der
Stadt in das Case Management einbezogen wird. Zudem unterhält man über
den Förderverein der Perspektive Kontakte zu den lokalen Unternehmern
und Rotariern. "Solothurn hat eine Tradition der unaufgeregten
Bürgerhilfe", sagt Lukas Leber, der vor vier Jahren aus Basel hierher
kam. Urs Böhlen von der Elektrizitätsfirma AEK Energie gibt ihm Recht:
"Wir betrachten es als Teil unserer Aufgabe", sagt er; "hier hat der
soziale Frieden eine Bedeutung." Das heisst nicht, dass alle Probleme
gelöst sind. Scharf haben sich Solothurner Schüler unlängst dagegen
verwahrt, von Fixern und ihren Utensilien belästigt zu werden. Auch hat
die Perspektive in diesem Jahr ein Defizit von 390 000 Franken
eingefahren, vornehmlich teuerungsbedingt. Die Hilfsstelle erhält vom
Kanton 1,3 Millionen Franken, das sind 13.50 pro Einwohner; sie braucht
drei Franken mehr.
Das alles braucht Juan nicht zu kümmern. Er hat nur sein Ziel vor
Augen. Es klingt bescheiden, es ist sehr ehrgeizig. "Ich möchte", sagt
er, "ein ganz normaler Schweizer werden."
Weitere Informationen, auch zu Kursangeboten über das Case Management,
unter
www.perspektive-so.ch . Informationen für Jugendliche in der ganzen
Schweiz unter www.look-up.ch .
"Ein nüchterner Zugang, gerade bei Abhängigen"
Das
Case Management verstärkt die Bürgernähe, sagt der deutsche
Sozialwissenschaftler Wolf Rainer Wendt; aber die Ämter müssen völlig
umdenken.
Mit Wolf Rainer Wendt* sprach Jean-Martin Büttner, Solothurn
Bürgerferne ist ein oft gehörter Vorwurf, wenn von Ämtern und
Fachstellen die Rede geht. Wie kann das Case Management vermitteln?
Einerseits haben viele Bürger Probleme, andererseits liegt ein
differenziertes Hilfesystem mit sehr verschiedenen Einrichtungen vor.
Die Frage ist also, wie der Bürger an die richtige Stelle kommt - und
wie das System ihm passgenau die richtige Hilfe verschaffen kann. Dabei
wird der Bürger in seiner Selbstständigkeit durchaus wahrgenommen:
Jeder muss ja sein Leben selber managen. Braucht er dabei Hilfe, sollte
diese auf seine Lebensführung abgestimmt sein. Darin liegt, sehr kurz
gesagt, die Philosophie des Case Management.
Welche Stellen, was für Ämter könnten davon profitieren?
Das Case Management lässt sich als Ablauforganisation verstehen: Man
möchte die nötigen Schritte so aufeinander abstimmen, dass man
zweckmässig vorankommt. Bis heute gehen Fachstellen meistens isoliert
vor: Der Psychologe macht seine Therapien, der Mediziner seine
Behandlung, der Sozialarbeiter hilft auf seine Weise. Das Case
Management führt nun die Berufsgruppen zusammen, um für den Klienten
eine nachhaltige Wirkung zu erreichen. Es stellt gewissermassen einen
Behandlungszusammenhang her. Dabei wird auch die Sicht des Klienten
berücksichtigt. Mit ihm und anderen Hilfskräften plant man gemeinsam,
was notwendig ist, wie es abläuft, wer wofür verantwortlich ist, wie
man das Ganze kontrollieren kann und wie man die Arbeit der
verschiedenen Beteiligten aufeinander abstimmt.
Wie lassen sich diese Abläufe kontrollieren?
Die Teile des ganzen Verfahrens sind darauf eingerichtet, dass man
jeden Schritt überprüfen kann und immer weiss, wie weit man kommt und
gekommen ist. Wissen muss der eine Dienst vor allem, inwieweit er seine
Zielgruppe erreicht. Dazu gehört, gerade bei Drogenabhängigen, die
Erfassung ihrer Lebensumstände. In jeder Phase müssen Veränderungen
bewertet, abgesichert und dokumentiert werden. Dokumentation ist ein
wesentlicher Punkt: Mit ihr lässt sich überprüfen, ob man den richtigen
Weg gegangen ist. Zur Erfolgskontrolle gehört übrigens auch die
Dokumentation des Versagens. Der Bürger ist über alle Daten zu
informieren, die man über ihn anlegt; und der Gebrauch der Daten ist
selbstverständlich vertraulich.
Sie halten die Solothurner Perspektive für einen Modellfall des Case Management. Warum?
Der überschaubare Sozialraum, die enge Verbindung von lokaler Politik
und bürgerschaftlichem Engagement, die Einbindung der Sozialdienste:
Das alles liefert günstige Bedingungen dafür, dass eine Vernetzung der
Sozial- und Gesundheitsarbeit mit einer bestimmten Klientel gelingt.
Gerade bei Süchtigen ist die Frustrationstoleranz gering und die
Rückfallgefahr hoch. Wie kann hier eine Methode helfen, die
gleichermassen auf Disziplin und Toleranz baut?
Es mag paradox klingen, aber: Die Disziplinierung, die das Verfahren
für alle Beteiligten mit sich bringt, erhöht gleichzeitig die Toleranz.
Gerade weil die verschiedenen Stellen zusammenarbeiten, kann ein
Drogenabhängiger immer wieder zurückgeholt werden, auch wenn er
zwischendurch rausfällt. Ausserdem wird das Scheitern als Möglichkeit
mit einkalkuliert und schon bei der ersten Begegnung angesprochen. Das
schafft eine Sicherheit: Der andere weiss, dass er wieder kommen darf.
Im Umgang mit Suchtkranken ist die Beziehung zum Betreuer sehr wichtig. Gilt das auch für das Case Management?
Gerade bei Abhängigen spreche ich gerne von der Nüchternheit des
Zugangs. Eine Fallführung ist kein therapeutisches Angebot und eine
gute persönliche Beziehung keine Voraussetzung für einen Case Manager.
Das hat auch etwas Entlastendes: Der Abhängige weiss, dass er mit ihm
nur eine vertragliche Beziehung eingeht. Wenn sich die beiden gut
verstehen - umso besser. Aber es soll auch möglich sein, dass ein
Abhängiger bloss seine konkreten Probleme behandelt haben will, also
Arbeit, Schulden, Wohnung, Versicherung und so weiter. Dafür sind auch
die Dienste nicht verpflichtet, ihn ständig zu versorgen.
* Prof. Dr. Wolf Rainer Wendt leitet den Ausbildungsbereich Sozialwesen
der Berufsakademie Stuttgart. Von ihm stammt die Einführung: "Case
Management im Sozial- und Gesundheitswesen" (Freiburg i. Br., Lambertus
2001, 3. Aufl.).